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Warum gilt der Dativ als Tod des Genitivs?

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Kennen Sie „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“? Doch ist an dieser These etwas dran? Wir beschäftigen uns mit Sprachwandel des Deutschen, den vier Kasus sowie einem gefühlten Sprachverfall.

Wegen dem vs. wegen des | wegen mir vs. meinetwegen
In welchen Kontexten verdrängt der Dativ den Genitiv?

Der bekannte Titel Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod beschreibt den gegenwärtigen Sprachwandel, dass die Dativformen (3. Fall, wem?) immer häufiger und in verschiedenen Sprachstilen die Rolle des Genitivs (2. Fall, wessen?) einnehmen. Daraus ergeben sich beispielsweise standardsprachlich nicht korrekte Kombinationen mit Präpositionen oder eine alternative Bildung der Besitzzugehörigkeit.

  • Dank diesem Artikel Dank dieses Artikels verstehe ich die Metapher des sterbenden Dativs.
  • Der Genitiv ist Bastian Sick seine Bastian Sicks Achillesferse.


Ist der Dativ besser als der Genitiv und für dessen Verfall verantwortlich?

Wenn Sie sich etwas mit deutscher Grammatik befasst haben, gibt es seit einigen Jahrzehnten keinen Umweg um das Thema Genitivverdrängung. Als Bastian Sick – ein sehr puristischer Sprachkritiker der alten Schule – sein Buch Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod herausbrachte, stieß er damit auf viel Zuspruch, allerdings auch auf Kritik.

Wir versuchen etwas verständlicher herunterzubrechen, an welchen Stellen der Dativ vermehrt benutzt wird und ob wir uns wirklich Sorgen um den Genitiv machen müssen. Betrachten wir zunächst dieses Beispiel:

Ich kann heute wegen dem Wetter nicht kommen. Ich habe mir noch nicht dem Luis seine Jacke ausgeliehen.

Wir erkennen zwei Formen, die als nicht standardsprachlich aufgefasst werden können: wegen dem und dem Louis seine. Gemäß Grammatiktheorie sind die Sätze nur wie folgt korrekt:

Ich kann heute wegen des Wetters nicht kommen. Ich habe mir noch nicht Luis’ Jacke ausgeliehen.

Ausgehend von diesen zwei Fällen beleuchten wir den Sprachwandel. Es gibt neben diesen beiden noch weitere Beispiele für die Verdrängung des Genitivs.


Genitiv und Dativ nach gewissen Präpositionen

Präpositionen (Verhältniswörter) wie mit, ohne, über, inmitten, für etc. entscheiden, in welchem Fall das nachstehende Nomen (Hauptwort) stehen muss. Linguistisch sprechen wir davon, dass sie den Kasus des nachfolgenden Wortes regieren. Da sich die Genitivform für feminine (weibliche) Nomen nicht von der Dativform unterscheidet, treten Verwechslungen nur bei Maskulina (männliche Nomen) und Neutra (sächliche Nomen) auf. Hier die häufigsten Fälle falscher Deklinationen nach Präpositionen:

„Wegen dem“ statt „wegen des“

Sie hat den Job nur wegen dem Geld angenommen.

Sie hat den Job nur wegen des Geldes angenommen.

Hinweis

Es gibt sogar kritische Stimmen, die meinen, der Kongruenzfehler trete auch mit Personalpronomen auf.

Mach dir doch wegen mir nicht solch einen Stress.

▶Mach dir doch meinetwegen nicht solch einen Stress.

„Während dem“ statt „während des“

Wir sollten während dem Essen nicht fernsehen.

Wir sollten während des Essens nicht fernsehen.

„Trotz dem“ statt „trotz des“

Trotz dem schlechten Wetter gingen wir spazieren.

Trotz des schlechten Wetters gingen wir spazieren.

„Statt dem“ anstelle von „statt des“

Ich kam statt meinem Mann hierher.

Ich kam statt meines Mannes hierher.

„Dank dem“ statt „dank des“

Dank dem Kind wissen wir, dass wir Verantwortung übernehmen können.

Dank des Kindes wissen wir, dass wir Verantwortung übernehmen können.


Genitiv und Dativ in besitzanzeigenden Formulierungen

Die Hauptfunktion des Genitivs ist, ein Verhältnis zwischen zwei Wörtern oder Wortgruppen herzustellen. Ähnlich wie die Modifizierung durch ein Adjektiv (Eigenschaftswort) gehört die Genitivform zum Rest der Nominalphrase.

Er sucht die Brille.
Er sucht seine Brille.
Er sucht die Brille des Vaters.

Sowohl seine als auch des Vaters beschreiben das Hauptnomen Brille näher. Entgegen dieser bewährten Formulierungen ist heutzutage immer öfter Folgendes zu hören:

Er sucht die Brille von ihm.
Er sucht dem seine Brille.

Von-Konstruktion ersetzt den Genitiv

Das sind die neuen Vertragsbestimmungen von unserem Partner.

Das sind die neuen Vertragsbestimmungen unseres Partners.

Kennst du schon die neuen Hunde von Lilli?

Kennst du schon Lillis neue Hunde?

Die Verdrängung des Genitivs durch von + Dativ scheint schon derart fortgeschritten, dass sie größtenteils keinen Grammatikfehler mehr darstellt. Beide Formen werden parallel verwendet.

Um derartige überholte Fehler von wirklichen Fehlerquellen unterscheiden zu können, empfehle ich den Gebrauch von LanguageTool. Das Schreibprogramm unterstreicht zuverlässig alle falsch deklinierten Formen, kümmert sich aber auch um Rechtschreibung, Zeichensetzung, den Sprachstil sowie Umformulierungen. Ein Muss eines jeden Schreibenden (und von allen)!

Falsches Possessivpronomen bei unklaren Genitiven

Wenn die korrekte Form des Genitivs etwas unklar ist (das Nomen endet beispielsweise schon auf „-s“), neigen viele dazu, ein besitzanzeigendes Fürwort (Possessivpronomen) statt eines Apostrophs zu setzen:

Wieso magst du Lukas seine Schwester nicht?

Wieso magst du Lukas’ Schwester nicht?

Vorangestellter Dativ als Ersatz für einen Genitiv

Ich habe dem Jungen sein Spielzeug nicht gesehen.

Ich habe das Spielzeug des Jungen nicht gesehen.

Aber

Korrekt als Dativobjekt + Akkusativobjekt:

Sie hat dem Kind sein Spielzug wiedergegeben.


Rettet den Genitiv! Sprachwandel als Prozess von unten

Bei so vielen Beispielen des „Zerfalls“ sprachnormativer Grenzen zwischen den vier Fällen trauern einige der traditionellen Unterscheidung hinterher. Doch das nennen wir Sprachwandel – also die Weiterentwicklung von Sprache, nicht durch neue Regeln und Reformen, sondern durch das Sprechverhalten. Alle gezeigten „Fehler“ sind als solche nur innerhalb der Hochsprache (Standarddeutsch) anzusiedeln und können in der Umgangssprache, in Dialekten oder in informellen Kontexten gerne verwendet werden.

Meme, in dem der Dativ als Tod an die Tür des Gentivs klopft
Würden Sie auch sagen, dass der Genitiv durch den Dativ ausstirbt?

Warum der Dativ derart stark den Genitiv verdrängt, wird sicher ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren sein. Zum einen ist die Bildung der Wessen-Form etwas aufwendiger als die der Wem-Form. Zum anderen sehen wir in anderen Sprachen ebenso das Phänomen, dass lieber Formen benutzt werden, die durch mehr Wörter statt mehr Endungen ausgedrückt werden. Linguistisch sprechen wir von der Tendenz zu paraphrastischen Formen zum Leid analytischer Formen.

Früher kombinierten wir das Verb vergessen ebenfalls mit einer nachfolgenden Genitivform, wie in diesem Beispiel:

Ich habe schon wieder meiner Schlüssel vergessen.
Ich habe schon wieder meine Schlüssel vergessen.

Hier war der Akkusativ dem Genitiv sein Tod und im Laufe der Zeit haben die meisten vergessen, dass es diese Verschiebung überhaupt gab.

Übrigens

Ebendarum heißt die Blume Vergissmeinnicht.

Der Genitiv hat zwar seine Daseinsberechtigung und obwohl er auch unter Deutschsprechenden viele Unklarheiten verursacht, ist es dennoch kein Grund, den Teufel an die Wand zu malen. Ärgern Sie sich daher nicht, wenn jemand fragt, von wem die Jacke ist – und nicht wessen Jacke. Wegen dem Sprecher seine Fehler werden nicht gleich alle Grammatikregeln außer Kraft gesetzt und Deutsch an sich hinterfragt.


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